Der Champagnerfreund
Kapitel 1
Geisterfahrer


Die Champagne tickt nicht nur in der Außendarstellung sondern auch im Inhalt anders, als der Rest von Planet Wein. Der Champagner ist als Geisterfahrer der Weinwelt zu betrachten.

Vollständiger Text [...]

Im letzten Kapitel haben wir uns mit dem großen Mysterium Champagner beschäftigt und erstmal erfahren, dass wir direkt von ihm nicht viel erfahren. Was wir wissen, müssen wir uns mühsam erarbeiten. Und Arbeiten ist nun nicht gerade eine Beschäftigung, die wir mit Champagner in Zusammenhang bringen. Dabei wird natürlich auch in der Champagne gearbeitet, die Pflanzen umsorgen sich schließlich nicht selber. Die gute alte Handarbeit ist ebenfalls weiter in Mode, von der Ernte bis zum Flaschendrehen in der Champagnervariante, bei dem die Flaschen, Kopf schräg nach unten, gerüttelt und gedreht werden um die Hefereste in den Hals wandern zu lassen. Manch begeisterter Biodynamiker (also der Homöopath unter den Winzern) lässt sogar Pferde für sich Erdarbeiten verrichten. Wo doch siegreiche Rennpferde sonst die einzigen ihrer Art mit Champagnerkontakt sind.

Trotz aller Weinbergsromantik, die es auch hier gibt (die Pferde müssen allerdings tatsächlich ackern), bleibt die Champagne merkwürdig losgelöst von ihrem Produkt. Aber der Grund ist ebenso einfach wie kompliziert: Die Champagne tickt nicht nur in der Außendarstellung sondern auch im Inhalt anders, als der Rest von Planet Wein. Der Champagner ist als Geisterfahrer der Weinwelt zu betrachten.

Warum also, steht kein Jahrgang auf der Flasche? Neben dem vom Marketing untrennbaren Wunsch, ein konstantes Produkt anzubieten, welches Jahr für Jahr verlässlich ist, gibt es noch einen ganz einfachen Grund: Die Trauben stammen nicht aus einem einzigen Jahr. Der Schaumwein wird zusammengebaut aus dem aktuellen Wein und Weinreserven früherer Jahre.

Warum stehen die Rebsorten nicht auf dem Etikett? Dem Franzosen gelten rebsortenreine Weine als mindere Kategorie, Vin de cépage, ist nicht weit von einer Schmähung entfernt. Selbst dort wo laut Gesetz nur eine Sorte zugelassen ist, würde kein Winzer mit Selbstachtung den Rebsortennamen in den Mittelpunkt stellen. Elsässer sind die große Ausnahme hier. Die Herkunft steht im Zentrum und kein Vouvray würde sich nur als Chenin Blanc bezeichnen. Ebenso in der Champagne, wo die Weine fast immer eine Cuvée mehrerer Sorten sind. Abgesehen davon, dass niemand Pinot Meunier kennt oder bei Pinot Noir an weißen Schaumwein denkt.

Warum also, steht keine Lagenbezeichnung auf den Champagnern, wo doch sonst jeder noch so unbedeutende Hügel einen blumigen Namen verpasst bekommt und ein Weinetikett zieren darf?
Die Antwort wird immer klarer: Der Wein kommt nicht aus einem bestimmten Weinberg, meist nichtmal aus einem bestimmten Ort. Die Cuvée erstreckt sich geographisch über viele Lagen, teilweise über die ganze Champagne.

Die restliche Weinproduktion (und wir reden hier stets vom gehobenen Marktsegment, nichts von alledem gilt für 3-Euro-Weine) setzt also auf Abgrenzung durch Hyperspezialisierung. 20XXer Riesling Großes Gewächs aus dieser Lage und jener Parzelle. Während die Champagne uns schonmal eine Cuvée vorsetzt, die sich über alle Rebsorten, alle Gebiete, eine unbekannte Anzahl von Gemeinden und Weinbergen erstreckt und das ganze dann mit 3 Jahren multipliziert. Nicht, dass man uns verraten würde welche Jahre.

Die Cuvée kristallisiert sich heraus, als Herz des Champagners. Die Assemblage, das präzise zusammensetzen der Cuvée aus ihren Einzelweinen, zeigt sich als große und wichtigste Kunstform der Champagne. Was ursprünglich dem Ausgleichen von Jahrgangsschwankungen und der Homogenität der Großproduktion gedient haben mag, hat sich verselbstständigt. Nirgendwo sonst, wird die Kunst der Cuvée so gepflegt, hat sie einen derartigen Stellenwert.

Nirgendwo sonst, finden sich solche Strukturen wie in der Champagne. Das gepflegte Ideal des Winzers, der in liebevoller Arbeit seine Trauben hätschelt und daraus dann das Getränk der Götter zaubert ist vielleicht etwas aus der Zeit gefallen, aber keineswegs ungewöhnlich. In der Champagne, dominiert das große Handelshaus. Der Winzer ist Lieferant eines Agrargutes, die eigentliche Zauberei geschieht in der großen Kellerei, wo die legendenumrankten Magier ihre Arbeit tun. Nun steht also dieses Wunder des Weinkellers im Mittelpunkt und nicht das Wunder des Weinberges, welches sonst den Ton angibt. Und wenn die Cuvée das Maß aller Dinge ist, werden deren Einzelteile natürlich nicht in den Vordergrund geschoben. Champagner ist Mannschaftssport.

Wo der Teamgeist gepflegt wird, ist aber auch der Individualist selten weit entfernt. Trotz aller (vor allem wirtschaftlicher) Dominanz der großen Négociants gibt es auch in der Champagne das Gegenmodell. Der Champagne Winzer mit seinem Winzerchampagner. Meine Trauben, mein Wein, lautet das Motto. Und die Weine sind natürlich oftmals ganz großartig. Wir reden schließlich von Champagner. Die Cuvée wird auch hier gepflegt, vollständig entkommt man seiner Sozialisation halt nicht. Aber hyperspezifisch ist der eigentliche Trumpf. Wenn Sie schonmal 100% Pinot Meunier Champagner aus einem Jahr und einer Lage trinken wollten, dann müssen Sie ihre Suche bei Winzerchampagner beginnen. Oder vielleicht einen reinen Weißburgunderschampus? Auch wenn Sie garnicht wussten, dass es in der Champagne Weißburgunder gibt.

Der Winzer also als Zukunftsmodell der Champagne.

Werfen wir einen vergleichenden Blick über den Horizont zum Winzersekt: Der Winzer darf in Deutschland genau das machen, was dem Champagnewinzer verwehrt bleibt: Nämlich Trauben zukaufen. Das Eigentliche der Unterscheidung in Winzer und Handelshäuser der Champagne ist genau dieser eine kleine Punkt, der Zukauf von Trauben. Die Unterscheidung in Winzersekt und Andere ist also inhaltsleer, qualitativ nicht zu gebrauchen spiegelt eher den gefühlten Unterschied wieder. Gefühlter Unterschied der noch verwirrender wird, wenn man bedenkt, dass auch hervorragende Sektwinzer mit zugekauften Trauben arbeiten können und der Qualität damit keineswegs schaden. So auch in der Champagne, wo das marktbeherrschende Modell Handelshaus auf den Traubenkauf statt auf den Traubenanbau setzt und damit die allerfantastischsten Weine hervorzaubert. Manche setzen dann bei ihren Prestigecuvées auf die Weinberge im Eigenbesitz, aber längst nicht alle. Und um die Verwirrung komplett zu machen, darf der waschechte Winzer beim waschechten Winzerchampagner NUR auf die Weinberge im Eigenbesitz bauen. Eigenbesitz oder Pachtung, so ein Hektar kostet nämlich ganz schön teuer.

Wer macht die Traube? Wer macht den Wein? Und wer vermarktet das Ganze? Das sind die grundlegenden Fragen und nun gibt es in der Champagne also jede erdenkliche Permutation von passenden Antworten. Über die Qualität, und jetzt halten Sie bitte ganz tapfer das Monokel fest, über die Qualität sagen uns diese Informationen vor allem eines: Nämlich nichts.

Von gedächtniseinbrennend toll bis garnicht mal so gut ist zum Glück leider alles dabei. Egal unter welcher Konstellation der Hersteller jetzt operiert. Winzerchampagner erweitert definitiv ihren Horizont. Verkleinert aber das Loch in der Brieftasche auch nicht. Die Entscheidung, was denn als nächstes schönes zu trinken sei, kann Ihnen niemand abnehmen. Anders als im Straßenverkehr, zeigt Ihnen kein Schild den Weg an und das Radio warnt sie nicht vor Geisterfahrern.

Als Champagner zu diesem Kapitel gibt es eine Flasche Jean-Marc Sélèque Solessence Brut Nature. Ein echter Freak im Vergleich mit dem, was wir bisher so über Champagner gelernt haben. Ein toller Horizonterweiterer. Kein Hyperindividualist, aber allemal redselig, zumindest auf dem Rückenetikett. Den echten Winzerchampagner erkennen wir über das RM am Anfang des Herstellercodes auf der Flasche. Ein Récoltant-Manipulant, seine Trauben, sein Wein. Brut Nature, also ohne zugesetzten Zucker ausgeliefert und damit ungeschminkt und schutzlos seiner eigenen Säure ausgeliefert. 50% Chardonnay, 40% Pinot Meunier, 10% Pinot Noir aus 7 Lagen in der Côte de Blancs und der Montagne de Reims. Wie gesagt kein Hyperindividualist und die Cuvée wird auch hier gepflegt. Aber behutsam gibt er mehr preis, als der übliche Champagner. Und beim Jahrgang wird es dann endgültig interessant: Ernte 2012 plus 50% Reservewein aus der Solera. Eine Solera? Das kennen Sie natürlich von so manchem Sherry, ganz klar. Dort wird für jede neue Abfüllung ein Teil des Weins entnommen und durch neuen Wein aus dem aktuellen Jahrgang ersetzt. So entsteht mit der Zeit eine ewige Cuvée, die alle enthaltenen Jahrgänge vereint, bei der der neue und der alte Wein sich gegenseitig prägen. Ungewöhnlich? Aber ja! Und als ob das nicht reichen würde um neugierig zu machen, verrät uns das Degorgierdatum April 2017 noch mehr. Nämlich, dass der Wein ein relativ langes Hefelager (wohl 4 Jahre) hinter sich hat. Sehr ordentlich für den Einstiegswein eines Sortiments. Leider leider, dann auch im Glas ein ganz toller Champagner. Kraftvoll, strukturiert und stoffig. Getragen von einem mehr als stabilen Säuregerüst, lebendig und sehr langanhaltend. Und wem das alles zuviel Weingequatsche ist: Alles ganz furchtbar lecker, auch ohne Zuckerzusatz.

Das war’s für Heute.
Ich trinke jetzt noch einen Krug voller Champagner und bedanke mich fürs Zuhören.

Links zum Kapitel
2. Der Winzer. Der Franzose, besonders wenn er Winzer ist, hat es nicht so mit Webseiten: Hier allerdings ein brauchbares Exemplar.
3. Der Winza auf Insta. Und Fotos macht er auch noch.
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