Der Champagnerfreund
Kapitel 0
Sprudelwein


Wenn es Plopp macht, wird es still. Es schlägt das Herz mit einem Male schneller, die Gesichtszüge hellen sich auf und die lautlose Erregtheit braust wie Donnerhall durchs Partyvolk wenn der Ruf ertönt: Heute gibt's Champagner!

Vollständiger Text [...]

Hedonistengetränk, Bordelbrause, Schampus, Kapitalistensprudel, Pimpsaft und ganz besonders furchtbar: Schlampagner. Diese und viele weitere, moralisch und sprachlich fragwürdige, Ausfälle sind im Umlauf um Champagner zu bezeichnen, abzuheben, zu preisen, abzuwerten und zu trennen. Zu trennen von dem was er erstmal ist, nämlich einfach nur Wein der sprudelt. Sprudelwein, lautet dann auch meine Standardantwort auf die Standardfrage meiner geladenen Gäste, was denn beizutragen sei zum geplanten Abend- oder Mittagessen in gemütlicher Runde.

Sprudelwein! Gemeint ist natürlich Champagner, auch wenn sich der Beitrag öfter als mäßig (also Winzersekt) bis enttäuschend (also Prosecco!) herausstellt. Mein reziprokes Mitbringsel ist dann natürlich ein unmöglich zu genießender Naturwein aus Südosteuropa. Oder zumindest irgendein Brut Nature Zeugs, an dem der Weinfreak seine Freude hat, bei dem sich aber die Gesichter der Amateurtrinker zusammenziehen wie beim Nachwuchs, der es nicht lassen konnte, an einer angeschnittenen Limette zu lecken. Die Sache will schließlich ernst genommen werden!

(Kurze Anmerkung: Genau wie nicht jeder Champagner gut ist, ist natürlich nicht jeder Winzersekt mäßig und jeder Prosecco enttäuschend. Aber die Handvoll wirklich Guter Weine, entlässt all die anderen nicht aus der Mittelmäßigkeit. Betrachten Sie es mal vom Durchschnittswert her.)

Ernst genommen werden sollte auch der Champagner. Das Wort schäumt schon schön beim Aussprechen im Mund, oftmals auch davor. Wenige Weine liefern derart emotionale und vielfältige Reaktionen. Luxus, Eleganz, Finesse, feines Essen und noch feinere Gesellschaft, Dekadenz, Verschwendung, das Liebe Geld das da ist oder eben nicht, sogar Sinnlichkeit! Die Rüttelpalette der Assoziationen reicht dabei von Superyacht über Schloßhochzeit, l’art de vivre, Weinsnobs, Angeber und Partyproleten bis hin zu Häusern, die des Nachtens durch rote Beleuchtung auffallen (wollen). Ach, der feine Herr trinkt Champagner! Selbstredend! Denn freilich sind die Reaktionen auf Rioja oder Moselriesling auch eher gedämpft, wenigstens im Vergleich. Besondere Anlässe schreien nach Champagner. Und die Liebste oder den Liebsten (ob nun für den Abend oder für Länger) sucht man ja schließlich nicht mit Blauem Spätburgunder aus dem Bocksbeutel zu beeindrucken. Verneint wird wegen Vollbabstinenzlertum oder aus technischen Gründen, wie die zu bewahrende Fahrtüchtigkeit oder ein verstärkter Sinn für die eigene Sterblichkeit aufgrund von Abnutzungserscheinungen im Herz-Kreislauf-Leber-System. Ansonsten scheint mir die erste Regel des Champagners klar zu sein: Niemand hat je ein Glas Champagner abgelehnt, für das er nicht bezahlen musste. Jedenfalls schäumt es ganz schön im Glas, und auch in vielen Köpfen.

Die Leistung, die beim Etablieren der Marke Champagne erbracht wurde, ist also mehr als nur beeindruckend. Das Marketing sprudelt ebenfalls enorm und manchmal etwas absonderlich. Die attraktive Zirkusdame mit Sonnenschirm auf Einrad mag verstehen, wer will. Oder wer verfolgt, welcher Hersteller mit wem kooperiert. Der ästhetische Überkandidelismus ist aber sicher nicht universell ansprechend. Trink mich, ich bin schön!, scheint aber wunderbar zu funktionieren. Den Rest tut die historisch tradierte Liebe der Reichen, Schönen und Großkopferten zum Getränk. Churchill UND de Gaulle, also quasi Hund und Katz, tranken gern Champagner, haben gar posthum je ihre eigene Cuvée verliehen bekommen. (Ganz im Gegensatz übrigens zu Ihrem damaligen Widersacher, dem Großdeutschen Pervitinjunkie, der hier ansonsten unerwähnt bleiben soll. ) Man ist also in exaltierter Gesellschaft und möchte nicht hintanstehen.

Trotz allem ist dabei DER Champagne und DIE Champagne für die meisten DAS große Unbekannte geblieben. Es ist wie gesagt erstmal nur Sprudelwein, genauer, Sprudelwein aus der französischen Region: DIE Champagne. Und nur von dort. Alles andere wäre gern Champagner. Wo diese Region liegt, weiß man vielleicht noch. Östlich von Paris, im nordöstlichen Frankreich. Reims und Epernay hat man auch schonmal gehört. Oder auf Arte gesehen. Wie es dort genau ausschaut, und wo nun diese ganzen kleineren Gegenden und Ortschaften liegen, von denen der Weinsnob begeistert berichtet, dass wusste höchstens noch der Urgroßvater. Den hatte man damals noch in Feldgrau hingeschickt, oder er verfolgte als kleiner Bub mit äußerster Aufmerksamkeit die Frontberichte der Preußen. Solche Unsitten sind heute aus der Mode gekommen, Gott und vor allem der europäischen Integration sei Dank. An Marne und Aisne bleiben heute die Stahlgewitter aus und man fürchtet nur noch den gewöhnlichen Hagel, aber wo die beiden Flüsse liegen weiß halt auch niemand mehr. Ganz zu schweigen von Avize oder Urville. Oder den ganzen anderen 500-Einwohner-Käffern.

Warum das nun so wichtig sein soll ist genau so unklar wie die Anordnung auf der Karte. Der Weinfreak trötet etwas von Terroir, aber selbiges reiht sich ein in die endlose Phalanx der leicht schwammigen Begriffe vom Planeten Wein.

DER Champagne, also der Wein, scheint sich nicht daran zu stören, die meisten Hersteller halten es ähnlich. Und sie halten es mit goldenem Schweigen, zumindest glänzt es reichlich. Über die Herstellung per zweiter Gärung in der verschlossenen Flasche ist man ja im Bilde. Obwohl auch hier der Champagner, mit seiner Méthode champenoise, auf seine Brüder aus fremden Regionen und Ländern herabblickt. Deren Méthode traditionelle, Metodo classico oder traditionelle Flaschengärung ist zwar weitgehend identisch mit der Champagnermethode, darf aber niemals nicht so genannt werden. Mehr wird dann aber nicht verraten. Man wüsste natürlich die geographische Herkunft nicht zu verorten, aber Er, der Champagner, verrät sie üblicherweise erst garnicht. Die Weingutsadresse ist auch wieder nur ein Irrweg, denn wo der Winzer seine Trauben hegt und pflegt, hat damit wenig zu tun. Von den Handelshäusern ganz zu schweigen, die ja die Trauben aus der ganzen verdammten Champagne einkaufen können.

Welche Trauben drin stecken, steht, Sie ahnen es, auch nirgends. Als Land mit Rebsortenfetisch will man es ja in Deutschland ganz genau wissen, aber mehr als „es ist eine Cuvée aus Pinot Noir (also Spätburgunder), Chardonnay (also Chardonnay) und Pinot Meunier", bekommt man nicht heraus. Letztere Sorte ist als Schwarzriesling gleichermaßen unbekannt. Wer sich durch die Herstellerwebseite wühlt, findet manchmal noch Prozentangaben. Nicht nur Alkohol, sondern auch Rebsorten als Anteil an der Cuvée. Aber wer will schon den Maulwurf spielen? Zum krönenden Abschluss verrät uns der Champagner nun nicht einmal seinen Jahrgang, jedenfalls bei der großen Masse der Weine.

Was, wie, wo und wann, die W- und damit wichtigsten Fragen einer jeden sachlichen Ergründung, verharren meist ohne Antwort. Selbst die Frage Wer?, bleibt manchmal offen. Die Supermarktwitwe hat ihren Schampus jedenfalls nicht vom Ehemann geerbt. Was geschlossen bleibt, ist das große Mysterium Champagner. Ein Geheimnis, das der Attraktion nur zuträglich ist. Kein Kopfwein, sondern Gefühl. Die gefühlte Exklusivität von über 350 Millionen Flaschen pro Jahr. Der gefühlte Luxus einer Supermarktmarke. Aber auch der gefühlte Spaß am Getränk. Man mag über die Champagnerdusche lästern, aber was der Kopf weiß, ist dem Gefühl Wumpe. So begegnet jeder dem König der Schaumweine auf seine Art. Mal analytisch, mal mit purer Lust, aber wohl kaum gleichgültig.

Wenn es Plopp macht, wird es still. Es schlägt das Herz mit einem Male schneller, die Gesichtszüge hellen sich auf und die lautlose Erregtheit braust wie Donnerhall durchs Partyvolk wenn der Ruf ertönt: Heute gibt’s Champagner!

Als Champagner zu diesem Kapitel gibt es eine Flasche Billet-Milet Brut. Ein Wein, ebenso geheimnisvoll wie das gesamte Thema. Denn ich weiß rein garnichts über ihn. Der Winzer gibt eine Adresse in Pouillon an, knapp nordwestlich von Reims. Also in der Montagne de Reims. Ich könnte den Rebsortenspiegel der Gemeine auflisten, aber ob der Wein überhaupt dort gewachsen ist, man weiß es nicht. Der französische Winzer hat es nicht so mit Webseiten, so auch dieser hier. Zusatzinformationen, das zweite Lebenselixier des Weinfreaks, nicht auffindbar. Der kleine Code auf der Flasche, mit RC beginnend, verrät uns, dass es sich um einen Récoltant-Cooperateur handelt. Der Winzer gibt also seine Trauben in die Genossenschaft ab, und sieht sie erst als erwachsenen Champagner wieder, den er unter seinem Namen verkauft. Die Aufzucht vom Traubensaft zum Schaumwein überlässt er Anderen. Ein Brut sans année, also ein jahrgangsloser Brut. Der absolute Standardwein der Champagne. Bemühen Sie sich erst garnicht, den Wein zu suchen. In Deutschland nicht zu haben, und insgesamt haben Sie nichts verpasst. Er liegt schon ein paar Jahre im Keller und ist auch nicht der Kandidat für lange Reife. Wie man an den Sherrynoten und dem leichten Anflug von Pflaumenkompott merkt. Trotzdem gefällt er mir. Trotz Geheimniskrämerei, fortgeschrittenem Alter und kompletter Abwesenheit von jedweder Besonderheit und jedwedem Luxusgefühl (ein Genossenschaftswein meine Lieben!, und ein furchtbares rot-goldenes Etikett mit Krönchen!). Aber er hat sich die schöne Säure erhalten und eine gewisse Eleganz. Diese Basiseleganz ist es, die den Champagner für mich ausmacht und wahrscheinlich der Grund, warum alles etwas anders läuft, in der Champagne. Es ist kein Fest, keine große Party, schon garkein großer Wein. Aber es macht Spaß, dieses Zeug zu trinken. Mehr, als man erwarten sollte, bei einem einfachen Sprudelwein.

Das war’s für Heute.
Ich tu mir jetzt noch eine Hariboerdbeere in den Champagner und bedanke mich fürs Zuhören.

Links zum Kapitel
1. Champagnerfreund auf Instagram. Mehr Champagner! Zumindest in Form von Fotos.
2. Winetomas über die Gemeine Pouillon. Rebsortenspiegel, Liste der ansässigen Produzenten etc. pp.
3. Alternativchampagner zu diesem Kapitel. . Nichts genaues weiß man auch hier nicht. Nicht groß, aber verlässlich. Und in der Magnum schon etwas dekadent.
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